02.08.2010![]() |
Die Schreibhaus-PhilosophieDen kommunikativen Aspekt des Schreibprozesses hervorzuheben und das Schreiben nicht als ein Phänomen der Einsamkeit und Zurückgezogenheit aufscheinen zu lassen, sondern als ein Phänomen der Verständigung und der Gespräche mit der Tradition und der Sozialisation, ist integrativer Bestandteil unserer Textarbeit. Während die das Schreiben beherrschende Idee des geistigen Eigentums (auch als geistiges Kapital gesehen), geschützt durch das Urheberrecht, die Autorinnen und Autoren tendenziell in ihrer Isolation bestärkt und ihnen den Blick darauf verstellt, wie stark der Diskurs seine Macht ausübt, ist die Schreibhausphilosophie von der Diskurstheorie und den Ideen des Kommunismus geprägt und geleitet. Texte sind individuelle Leistungen (und als solche natürlich urheberrechtlich zu schützen), die auf der Kollektivität der Sprache und der Diskurse basieren. Der Begriff des Diskurses verweist auf die Macht der Tradition, auf die Macht der Sprache als Weltsicht («meine Sprache ist mein Sein»), auf die Macht des sozialökonomischen und sozialpsychologischen Kontextes. In der Autonomie der Kunst manifestiert sich unser dialektisches Verhältnis zum kreativen Subjekt. Das Ästhetische hat Vorrang vor dem DenotativenLiteratur bildet weder Wirklichkeit ab noch macht sie Aussagen darüber. Bestenfalls schärft sie das Bewußtsein und den Blick. Phänomene in ihrer Vielschichtigkeit aufscheinen zu lassen, ist ein anderer poetischer Anspruch als Realität abzubilden. Die angebliche Abbildung der Realität ist immer ein Aufscheinenlassen im Phantasma.Wer aber etwas aufscheinen lassen, aufzeigen will, muß seinen Blick schärfen. Wir legen wert auf Vielfalt und Vielschichtigkeit. Die Elemente der Schreibhaus-Philosophie
Ästhetik und ZweckrationalitätEs gibt in der Literatur keinen Mechanismus zwischen Absicht und Produkt. Die Dinge haben ihre Eigendynamik. Welche Ansprüche jemand an die eigenen Texte stellt und welche Ziele er damit verfolgt, ist die eine Sache, welche literarische Qualität und welches Publikum die Texte erreichen, eine andere. Oft bringt das zweckrationale und zielgerichtete Denken nicht die gewünschten Erfolge mit sich: jemand will eine gute Geschichte schreiben, und das Blatt bleibt leer; jemand will durch das Schreiben die eigenen Frustrationen, Ängste und andere psychische Probleme lösen, aber es entstehen interessante Texte von ansehnlicher literarischer Qualität und die Psyche, die das hervorbrachte, bleibt dieselbe - mit denselben Ängsten, Frustrationen und Problemen. Auch der Literaturmarkt hat seine Eigendynamik. Ablehnung durch Verlage sagt nichts über die Qualität der eingesandten Texte aus.Im Schreibhaus bilden Analyse, Hermeneutik und Poetik die notwendige Trias im Kommunikationsprozeß um Literaturproduktion. Die Menschen in den Workshops und Symposien werden nicht zu Objekten der Fähigkeitsvermittlung. Ihre Kreativität und Produktivität geben die Inhalte und Intensität der Diskussion vor, nur durch ihre eigene Tätigkeit stärken sie ihre literarischen Fähigkeiten. Literarische Kreativität ist kein Ergon, sondern selbst eine Aktivität - vor allem eine Selbstaktivität! und damit Energeia. Den Kern der Workshops bildet die Kommunikation. Das Augenmerk richtet sich auf die kreative Energie, die im Spiel und Gegenspiel von Schreiben und Lektorat allmählich gestärkt und gesteigert wird. Differenzierte KritikWir unterscheiden zwischen Lektoratskritik, feuilletonistischer Kritik und Geschmacksurteilen. Geschmacksurteile lassen sich nicht argumentativ begründen und rational ableiten. Ob und wie man sich über Geschmack unterhalten oder streiten kann, sei dahingestellt.Die Lektoratskritik ist analytisch. Sie arbeitet die Eigenheiten des Textes heraus und dient dazu, diese konsequent und ästhetisch kohärent zu realisieren. Feuilletonistische Kritik orientiert sich am Werk und am Publikum und übernimmt eine bewertende Vermittlerrolle. Feuilletonistische Kritik kann im journalistischen Schreiben geübt werden. Zur Förderung des literarischen Schreibens dient sie nicht. Monistische Kunstauffassung - Negation des Widerspruchs zwischen Unterhaltung und AnspruchZwischen Unterhaltungs- und hoher Literatur machen wir keinen Unterschied. Wir bestreiten die Korrelation: Je schlechter die Literatur, desto höher der Unterhaltungswert. Oder umgekehrt: Je besser die Literatur, desto niedriger der Unterhaltungswert. Es gibt keinen notwendigen Zusammenhang zwischen ästhetischem Niveau und dem Unterhaltungswert von Literatur. «Anspruchsvolle» Literatur wird dort langweilig, wo sich der Anspruch auf Anspruch mit ernster Miene geltend macht, ohne substantiell sein zu können.Mit anderen Worten, Literatur, die sich anspruchsvoll gibt, ist langweilig und hat einen niedrigen Unterhaltungswert. Unterhaltung und Bildung sind zwei Seiten einer Medaille. |