Publikationen

Jo Ziegler: Die Ruhr-Magier

Eine große Revier-Chronographie in drei unabhängigen Teilen

Die «Hammersaison» ist eröffnet.
INTERVIEW IM TEXTZENTRUM MIT DEM BUCHAUTOR JO ZIEGLER

Anfang Juni 2008, ein kleines Grüppchen von drei Personen sitzt im Girardet Haus am Eingang 7, wo sich das Textzentrum-Essen befindet, in Plauderlaune. Es geht um literarisches Schreiben, um Kulturarchive und Kulturarbeit. Einer von ihnen ist der Autor Jo Ziegler, der neben dem Schreiben auch das Malen als sein Ausdrucksmittel begreift. Er schreibt an einer Romantrilogie über das Leben und Arbeiten im Ruhrgebiet.
Nicht das Thema macht das Besondere bei Jo Ziegler aus, sondern seine Art die Dinge zu erzählen und historisch auszuholen und diese Historie mit Leben zu füllen. Die KULTURPROGRAMM-Redakteure, die mit ihm die Runde bilden, haben Kostproben aus den Texten gelesen und kennen den Roman Die Ruhr-Magier, den sie im Vorabdruck erhalten haben. Der Autor rückt seine künstlerische Tätigkeit insgesamt in den Blick. Er will sich nicht als Schriftsteller präsentieren, sondern als Künstler, der Bilder schafft - mit Worten und auf Leinwand mit Farben.
Ziegler: Das ist genau der Punkt. Schreiben ist - neben dem gemalten Bild- die Kunstform, die am stärksten an die Fantasie und Vorstellungskraft appelliert. Dazu möchte ich eine Notiz aus meinem Werksverzeichnis zitieren:
"Bilder und Worte und Wortbilder quellen aus mir. Im Spiel mit ihnen erfinde ich das Spiel neu."
Plastisch malt er und plastisch meint er es, wenn er sagt, die Figuren sollen das Publikum aus den Gemälden und Wortbildern des Romans anspringen. Da will jemand dick auftragen - aber nicht im Leben, sondern in der Fiktion der Kunst.
Ziegler: In meiner Schulzeit schon, die einige Jahre zurückliegt, entdeckte ich meine Neigung zu Bildern in meiner Fantasie. Ob ich sie nun sprachlich ausmale oder auf Papier oder Leinwand, das ist schier sekundär. Gefördert wurde ich jedenfalls damals einerseits von meinem Deutsch-Lehrer und andererseits von meinem Kunstlehrer. Es war schon eine starke Sache, wenn in Dortmunder Zeitungen ein Gedicht von mir erschien und mit fünf Mark honoriert wurde. Damit konnte ich meiner Flamme imponieren, und bei Cola mit Schuss ungeahnte Gefilde ausloten.
Jedenfalls verließ ich die Schule in meiner Heimatstadt DORTMUND als einziger Jahrgangskandidat mit einer "Eins" im Fach Kunst. Und dabei sind mir noch heute arge Dispute des Lehrerkollegiums in Erinnerung.
KULTURPROGRAMM: Dispute - welcher Art?
Ziegler: Kandinsky, "Schweres Rot", ja, genau, so war der Titel des zu interpretierrenden abstrakten Bildes. Das "BAUHAUS" und seine Auflösung durch den braunen Ungeist - vermutlich machte ich dahin gehend eine aufrührische Bemerkung. Denn Mitte der sechziger Jahre fing ja gerade erst eine Verarbeitung der neueren deutschen Geschichte an. Rückblickend sehe ich eine Riege steifer, kerzengerader Männer, daneben in Augenhöhe und vertreten in gleicher Anzahl junge Männer, salopp gekleidet in Sakkos über Rollkragenpullis, knapp zehn Jahre älter als unsere Abiturientia - und sie hatten den Status älterer Brüder. Zückten Bücher von Albert Camus, zuerst auf Deutsch, dann auf Französisch, und buchstabierten den Existentialismus. Andere überhäuften uns mit Max Frisch. Seinen "Homo Faber" entdecke ich übrigens in jedem Lebensjahrzeht neu. Finalement, sein bewegendes Buch: "J'adore ce qui me brûle". Fragende Gesichter in der Runde. Im Hintergrund summt der Kühlschrank. Ansonsten ist es kurz ganz still.
Das Publikum wartet auf den Autor: Es ist die Premiere, die Vorstellung der Neuerscheinung. Nicht untypisch: die ersten Reihen leer - gebührender Abstand zum gefürchteten Genie, der Fotograf (Thomas Scharein) um die richtige Einstellung bemüht.

Ziegler: Pardon, ich hab' mich wohl vergaloppiert. Aber, unbedingt müssen noch Wegbereiter wie "Der Fänger im Roggen" von J.D.Salinger, oder "Unterwegs" von Jack Kerouac nachgeschoben werden. Ab da war ich dann "On the Road", zusammen mit allen anderen Achtundsechzigern".

KULTURPROGRAMM: Und warum begannen Sie damals nicht mit einem naheliegenden Studium von Kunst, Germanistik und...

Ziegler: Und, wie lautet das dritte Wort, etwa Pädagogik? Für mich unvorstellbar!
Die Freikarte des Abiturs führte in den mittsechziger Jahren der BRD vornehmlich zum Apotheker, Erben, Pfarrer, Rechtsanwalt oder Arzt. Derart kehrte ich dann nach sechs Jahren Münsteraner Diaspora in meine geliebte Heimat zurück.

Einer der Redakteure nickt verständnisvoll ­könnte auch ein Lokalpatriot sein und Münsterland als "Diaspora" empfinden. Aber das ist es nicht. Er ist noch in Gedanken bei den Apothekern, Erben und Ärzten. Er studierte Germanistik, Philosophie und wie lautet das dritte Wort? Nein, nicht Pädagogik! "Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften"! Aber nach endlosen Studien brach er den Werdegang durch die Gänge der Universitäten ab. Für ihn ein rhizomatisches Labyrinth.
Jo Ziegler wirkt da pragmatischer.

KULTURPROGRAMM: Damit waren also die Weichen gestellt. Oder verstellt?

Ziegler: Vorerst, ja. Für meine Siebdrucke, Handskizzen und handschriftlichen Notizen kaufte ich eine sündhaft teure koffergroße Kunststoff-Mappe, platzierte diese auf einem Styroporsockel im Keller, wohl geschützt, im Hinblick auf einen möglichen Wassereinbruch, vor welchem wohlmeinende Nachbarn warnten. Dann kam der Gang en famille durch europäische Kunstsammlungen und Ausstellungen jedweder Art, meine damals einzige Möglichkeit, bildende Kunst zu erfahren. Bei interessanten Büchern klappten mir derweil abends die Augen zu.
KULTURPROGRAMM: Also studierten Sie Medizin und Zahnmedizin. Und was war der prägnante Auslöser, sich wieder aktiv mit Bild und Text zu beschäftigen?

Ziegler: "Jetzt räum endlich den Keller auf! Das hab' ich Dir nach dem Umbau schon so oft gesagt!" lautete der Auslöser. Und knurrend gab ich den Impuls an meinen Sohn, "ZIVI" seines Zeichens, weiter, als er so unausgelastet danebenstand.

Wie ferngesteuert legte ich den äussersten zugestellten Kellerwinkel frei, zog die oben erwähnte Sammelmappe hervor und, nach gemeinsamer Sichtung fragte mein Sohn fast tonlos: "Warum machst Du da nicht weiter?" Der nachfolgend abgebildete mehrfarbige Siebdruck mit einem Zwerg kam mir exakt zu Pass.


KULTURPROGRAMM: Aha, Zwergen-Latein!

Ziegler: Genau! Dieser Zwerg sollte eine Kurzgeschichte beleben. Vorgegeben waren 10 DIN A 4 - Seiten vom Ausrichter des Literaturpreises Ruhrgebiet 2006. Da Zwergsein auch zu tun hat mit  "twer - quer" und mit "twerch - schräg, verkehrt" sowie mit "twern - quirlen, verdrehen", war dieser Winzling geschaffen, um auf der UrRuhrSpur N° 7 abzufahren. Dabei luchste er dem obersten Essener Grobschmied dessen Stahl-Rezepte ab, nistete sich in der ISENBURG ein, und betrieb dort eine alternative Stahlschmiede. Beim Hantieren mit Sprengstoff flog die Burg in die Luft und verabschiedete sich als Schuttlawine ins Ruhrflusstal. Somit wissen Sie jetzt auch Bescheid, warum man heutzutage von der Ruine  ISENBURG spricht, - ha, ha, ha!

KULTURPROGRAMM: Sie bewegen sich also inhaltlich ganz im Ruhrgebiet - ganz in unserer Nähe sozusagen.

Ziegler: Mit Herzblut, allerdings! Alle Zutaten liegen greifbar nahe. So lieferte mir z.B. ein lokaler Zeitungsartikel den Beginn meines Buches "DIE RUHR-MAGIER" frei Haus: Die "Hammersaison" ist eröffnet. Gemeint ist der "Halbachhammer" im Nachtigallental, wo an jedem Sonntag öffentliche Schmiedevorführungen für Jung und Alt stattfinden. Da ich die Nähe zu meinen Lesern suche, ist es durchaus möglich, mich dort an einem "tollen Schmiedetag" anzutreffen.

KULTURPROGRAMM: Hat es sich dann mit den Ruhr-Magiern in Ihrem literarischen Schaffen ausgezaubert?

Ziegler: Aber nein. Noch lange nicht! Jetzt bin ich so richtig auf den Geschmack gekommen. Ich habe Blut geleckt und schmiede eine große Ruhrgebietstrilogie ein Gesamtkunstwerk aus ESSEN, der Kultur-Hauptstadt im Jahre 2010.

KULTURPROGRAMM: Na da sind wir aber gespannt.